Ein gelber Engel rettet ein Rehkitz

Susa Bobke zeigt bei ihrer Lesung in Krumbach, dass sie mit Herz und Verstand an der Natur hängt
Von Elisabeth Schmid

„Bevor die Wiesen gemäht werden, wird nach kleinen Rehkitzen geschaut, die sich im tiefen Gras versteckt haben. Der Nachbarsjunge Jakob fand schon nach kurzer Zeit so ein kleines Kitz. Er rief mich und ich schaute fasziniert auf das kleine hübsche Geschöpf. Es hatte riesige schwarze Augen und große Hasenohren, es war perfekt“, las Susa Bobke aus ihrem Buch „Wildwechsel“. Susa Bobke war im Rahmen des Literaturherbstes in der Bücherei Krumbach.

Die Autorin ist 1964 in Stapellholm, in Schleswigholstein, geboren. Als junges Mädchen wollte sie immer einen Raben haben. Dazu ist aber in Bayern eine Falkenprüfung nötig – die machte sie und dazu gleich den Jagdschein. „Bis heute habe ich immer noch keinen Raben,“ sagte sie schmunzelnd. Aus Leidenschaft für Motorräder und Autos wollte sie Kfz-Meisterin werden, was damals für eine Frau nicht leicht gewesen sei. Später bekam sie eine Lehrstelle und machte ihre Meisterprüfung. Mittlerweile arbeitet die Autorin seit 25 Jahren als „gelber Engel“ beim ADAC. Über Motorräder und Autos hat sie auch schon drei Bücher veröffentlich.

Nachdem sie das Kitz gefunden hatte, schrieb sie darüber, was sie bewogen hatte, das Reh mit in ihr Zuhause im Allgäu zu nehmen. Denn die Aufzucht des Rehs war nicht nur Freude, sondern auch eine große Verantwortung und Herausforderung. Doch mithilfe einer Nachbarin und weiteren Freunden sollte es gelingen. Als Jägerin kannte sie sich aus in der Natur. Ihr Vater war Tierarzt, mit ihm ist die kleine Susa oft auf Bauernhöfe mitgegangen. Sie kannte sich aus mit Tieren, mit dem Leid und auch den Freuden.

Als sie merkte, dass die Mutter des kleinen Kitzes nicht kam, nahm sie es mit zu sich. Ihr Berner Sennenhund „Moll“ nahm das Kitz gut auf, es durfte sogar in seinem Hundekorb schlafen. Nun gut, für die Betreuung des Kitzes brauchte sie nämlich Zeit – viel Zeit. „Also rief ich meinen Chef an und sagte: ,Chef, ich brauche Mutterschaftsurlaub.’ ,Aha’, meinte mein Chef, ,wann ist es so weit?’ Ich antwortete: ,Jetzt.’“

Immer wieder kommt der spezielle, trockne Humor der Autorin durch, die Leser müssen oft spontan lachen. „Nun schon bald merkte ich, dass mir das Kitz ans Herz gewachsen war, und ich fühlte mich wirklich wie seine Mutter“, erzählte Susa Bobke. Die Zeit der Aufzucht erwies sich schwieriger als gedacht, denn es mochte die Flasche nicht. Sie holte sich Rat bei einem Tierarzt, der empfahl Welpenmilch mit Traubenzucker.

In dem Buch „Wildwechsel“ geht es aber auch um die Jagd, die Hege und Pflege des Waldes und der Tiere. Susa Bobke setzt sich immer wieder mit der Frage auseinander: Wie kann ein Miteinander von Mensch und Tier im Einklang mit der Natur in einer wirtschaftlich genutzten Umwelt gelingen? In ihrem Buch erzählt sie über das Wachstum der Rehe, über Brunft und Geburt, über den Fellwechsel in den Jahreszeiten. Der Leser kann viel über die Natur lernen.

Bobkes Reh wird größer und verbringt oft Zeit außerhalb ihres Gartens. Es wildert sich quasi selber aus. Zur Sicherheit bekommt es ein Halsband. So erkennen die angrenzenden Jäger, das ist Susas Reh und darf nicht geschossen werden. Susa Bobke ist „Oma“ geworden, denn ihr kleines Kitz ist selbst Mutter zweier reizender Kitze. Nach der Lesung, die die Besucher mit Staunen verfolgten, gab es noch Fotos von ihrem Reh und wie es erwachsen wird zu sehen. Ein „Oh wie süß“ ertönte dabei aus dem Zuschauerraum.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 25.10.2018