Autorin Katharina Schickling schockt Verbraucher

Die Fernsehjournalistin informiert über Praktiken der Lebensmittelhersteller
Von Brigitte Scholz

Das Interesse war gewaltig beim Vortrag von Katharina Schickling. Sie macht Recherchen zum Thema Lebensmittel, unter anderen bei ZDF zoom oder zusammen mit Tim Mälzer. Diese Nachforschungen sind bei Lebensmittelherstellern und auch in der Politik oft nicht besonders beliebt. So wundert es nicht, dass sie zum Beispiel bei Großmolkereien keine Drehgenehmigung bekommt oder keinen Termin innerhalb des nächsten halben Jahres beim zuständigen Minister oder Staatssekretär.

Ihr Buch sei Notwehr gegen all den Etikettenschwindel, den sie bei Produkten nachweist. „Im Dschungel der Kennzeichnung der Lebensmittel werden die Verbraucher hinters Licht geführt. Das zeigt den Stellenwert der Verbraucher auch in der Politik.“ Sie fordert ihre Zuhörer auf, bei den Herstellern nachzufragen, woher die Waren stammen und was drin ist. Sie sagt: „Schauen Sie auf die Inhaltsstoffe, seien Sie kritisch bei Zutaten, die ihre Großmutter nicht genommen hätte.“

Dominiert wird der Lebensmittelmarkt von den großen vier: Aldi, Lidl, Rewe und Edeka. Sie bestimmen die Preise bei den Grundnahrungsmitteln, die bei allen gleich bis auf den Cent sind. Der immense Wettbewerbsdruck dort führe zwangsläufig zu einer Lebensmittelerzeugung zulasten aller Beteiligten: der Bauern, der Tiere, der Umwelt, ja selbst der großen Hersteller. In ihren Ausführungen belegt Schickling immer wieder, dass es sicher einen Haken gebe, wenn etwas wahnsinnig billig ist. Kostendruck und Lebensmittel mit Qualität schlössen sich aus. Im europäischen Vergleich seien Lebensmittel in Deutschland sehr billig, aber auch längst nicht von der Qualität wie etwa in Frankreich oder England. Das Beispiel „Milch“ ließ den meist weiblichen Besuchern den Atem stocken. Milch aus der Molkerei Weihenstephan, die zum Müllerkonzern gehöre, müsse nicht unbedingt aus Bayern kommen. So habe sie recherchiert, dass hier Milch aus Polen kam; Milchbestandteile, wie Sahne, aus Frankreich und hier weiterverarbeitet würden. Die Bezeichnungen „Weidemilch“ oder „Alpenmilch“ gaukeln Bilder von glücklichen Kühen vor, seien aber irreführend. Diese Begriffe sind nicht geschützt. Katharina Schickling wirft der Lebensmittelindustrie vor, dass sie die Kunden bewusst durch Schönfärberei im Unklaren lasse. Dagegen seien die Bezeichnungen „Bergbauernmilch“ oder „Heumilch“ EU-geschützt und kontrolliert. Die artgerechte Tierhaltung sei hier streng geregelt.

Die Milchproduktion werde staatlich subventioniert und trotzdem könnten Bauern den Ertrag nur durch Rationalisierung und Quantität steigern. Zuviel hochsubventionierte Milch werde produziert. Die werde zu Milchpulver verarbeitet und nach Afrika exportiert. Das Fett in der Milch werde durch Palmöl ersetzt, was billiger sei. Joghurt, gern in Kamerun verzehrt, werde damit hergestellt. In einem Film zeigte die Autorin reihenweise „Zott“ Joghurt in den Regalen. Damit sei die einheimische Produktion dort nicht mehr konkurrenzfähig. „Das ist völlig ungerecht, und so kommt es zu den Fluchtursachen.“ Weitere Beispiele fehlgeleiteter Produktion von Mehl und Geflügel zum Schaden afrikanischer Länder zeigte Schickling weiter auf – das machte stellenweise fassungslos. Ihr Appell an die Verbraucher lautet: „Fragen Sie bei den Produzenten nach, woher sie ihre Produkte beziehen. Gehen Sie auf die Nerven, dann ändert sich auch etwas. Und kaufen Sie saisonal und regional ein!“ Für gute Qualität seien die Verbraucher bereit, mehr zu bezahlen. Eine bedenkliche Entwicklung stellte sie unter anderem beim Bäckerhandwerk fest: Brot und Brezeln würden nur noch industriell mit Zutaten zur schnelleren Gärung hergestellt und in Backautomaten aufgebacken. Die handwerklich, mit traditionellen Verfahren hergestellten Brotwaren seien teurer, als Folge stürben Bäckereien aus. Es sei an den Kundinnen und Kunden nachzufragen und sich über die Waren zu informieren. Katarina Schickling wies auf verschiedene Ökosiegel hin, auf die man sich verlassen könne. Sie berücksichtigten das Tierwohl, den fairen Anbau und Handel. In ihrem Buch stellt sie die Kriterien vor, nach denen die Siegel vergeben werden.

Eine Zuhörerin stellte fest: „Wir sind in Krumbach da noch in einer guten Situation, weil wir direkt von örtlichen Bäckereien, Molkereien, Gärtnereien und Metzgereien einkaufen können.“

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 14.11.2018