Was passiert, wenn man nicht zur Wahl geht?

Der Poetry Slam war Auftakt zur Interkulturellen Woche. Wie „iSlam“ zum Nachdenken anregt und ein „Krumbacher Schneeflittchen“ für Belustigung sorgt.
Von Peter Wieser

„Die Islamisierung schreitet voran.“ Nein, ganz so war es nicht gemeint. Moderator Marc Hettich von „Sub-Kult“ bezog sich dabei vielmehr auf die „Slammer“ beim Poetry Slam am Freitag im Krumbacher Stadtsaal, der Auftaktveranstaltung zur Interkulturellen Woche und des Krumbacher Literaturherbstes. „Vielfalt verbindet“, so lautet das Motto der „Interkulturellen Woche 2017“, die der Integrationsbeauftragte am Landratsamt, Meinrad Gackowski, im Anschluss eröffnete und gleichzeitig darauf einging, wie Integration und friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen im Focus der Gesellschaft stünden.

Doch zurück zu den acht Slammern: Die Mitglieder des Berliner Slam-Kollektivs „iSlam“, fünf Musliminnen und Muslime aus München, waren ein kleines bisschen in der Überzahl. Man sollte jedoch dazusagen: „iSlam“ wird nicht wie „Islam“, sondern vielmehr wie „ai släm“ ausgesprochen – es geht ja auch um das „Slammen“. Ihre drei Mitstreiter waren zwei Slammer, die aus Tübingen angereist waren, und mit Viktoria (Viktoria Döring) auch eine Krumbacherin. Sechs Minuten hatte jeder Zeit, in zwei Blocks durch eine Pause getrennt, seinen Text vorzutragen. Die Lautstärke des Applauses sollte über die jeweiligen Sieger entscheiden, um in der Endrunde noch einmal gegeneinander anzutreten.
Die Themen waren unterschiedlich, es fehlte nicht an Aktualität und an solchen, die die Menschen bewegen. Eher zum Nachdenken regten zunächst die Slams von Tahir und Hannaa an, bei denen es um die Flucht aus Syrien und um die Stärke der Frau ging und die zu respektieren sei. Hiba erklärte in ihrem „Liebesbrief an den Ramadan“, wie sehr eine solche tatsächlich durch den Magen gehe, während Alia davon berichtete, was man in Klecksen alles sehen könne. Auch Gefühle und Ängste, von denen Lena aus Tübingen vortrug, waren mit dabei.

Nachdenklich Bewegendes gegen locker Belustigendes

Ach ja, Wahlen waren ja am Sonntag auch: Waren das wieder die „Erwachsenenwahlen, die alle vier Jahre stattfänden“ von denen Viktoria sprach? Sie blicke jetzt gar nicht mehr durch. Bisher kenne sie nur die Klassensprecherwahlen, bei denen es sowieso immer nur der Dümmste sei, der gewinne. „Bei Wahlen werden Stimmen gefangen“, so sah es Waseem, der zunächst mit einem fröhlichen „Servus“ und „Salem aleikum“ vor das Publikum trat und sich selbst als sogenannten „Wiesnflüchtling“ bezeichnete – vielleicht aus Sorge, wegen seines Bartes verhaftet zu werden. „Wählen ist wie Zähne putzen. Wenn man’s nicht macht, wird’s braun“, so lautete Waseem’s Kommentar zur Wahl. Bei Harry dagegen, der bereits mehrere Slam-Meisterschaften gewonnen hatte, redeten nebenbei auch schon einmal die Hände mit. Er hatte im zweiten Block den größten Applaus der Zuhörer auf seiner Seite, nachdem er auf amüsante Weise davon berichtet hatte, was zu viel „Shakespeare Lesen“ bei einem anschließenden Besuch im Supermarkt bewirken könne.
In der Entscheidungsrunde war es Hannaa, die gegen Harry antreten durfte: „iSlam“ gegen Tübingen – nachdenklich Bewegendes gegen locker Belustigendes. Der Regen, der auch in anderer Form, nicht als Wasser, sondern als Giftgas erlebt werden kann, unterlag nach der Gunst des Publikums nur knapp den Räubern im Wald von Harry. Vielleicht lag das ja auch an dem „Krumbacher Schneeflittchen“, weil es die bösen Schurken, die es schänden wollten, gar so verwirrt habe.
Was einen am Freitag so recht erwarten sollte, darüber hatte der eine oder andere sicherlich im Vorfeld schon gerätselt. Vielleicht war das auch der Grund, dass die Besucherzahl die Hundert nicht ganz erreichte. Dennoch: Diejenigen, die nicht gekommen waren, hatten mit Sicherheit einiges versäumt.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 28.9.2017