Panorama der Nachkriegsjahre

Wie Frank Witzel bei seiner Lesung im Krumbacher Schloss dem Zeitgefühl der späten 40er Jahre nachspürte.
Von Dr. Heinrich Lindenmayr

Frank Witzels neuer Roman „Direkt danach und kurz davor“ erschien im September. Bislang habe er nur wenige Male öffentlich daraus vorgelesen, erklärte der Autor zu Beginn seiner Lesung im Krumbacher Schloss. Taufrisch also war, was die Hörer serviert bekamen und das literarische Terrain wirkte zudem wie Neuland. Das mag vor allem daran liegen, dass Frank Witzel mit dem Schreiben eher ungewöhnliche Ziele verfolgt und deshalb zu außerordentlichen Mitteln und Techniken greift. Er will keine Geschichte erzählen, auch nicht das Seelenleben von Figuren erkunden, wie die meisten Romanciers. Ihm geht es um das Lebensgefühl einer Zeit, um Atmosphärisches, um Stimmungen, Befindlichkeiten, Denkmuster einer bestimmten Zeitspanne. In seinem 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman über „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“ hatte Witzel sich die späten 60er und 70er Jahre vorgenommen, als die bundesrepublikanische Nachkriegsordnung kräftig durcheinandergewirbelt wurde.

Zeitgeist lässt sich nicht auf eine Geschichte reduzieren

Im neuen Buch befasst er sich mit der Zeit unmittelbar nach dem Weltkrieg. Auch hier ist klar, dass sich Zeitgeist nicht auf eine Geschichte reduzieren lässt. Witzel entfaltet deshalb breit eine Fülle von Geschichten, Erzählsträngen, Perspektiven und Positionen, Dokumenten und Zitaten. Es entsteht ein fast unerschöpfliches, geradezu aberwitziges Kaleidoskop, das den Zeitgeist erschließen und mitteilbar machen möchte. Aus dem voluminösen Roman griff der Autor drei Teile heraus. Er las den Prolog des Buches, der eine Jugend in Trümmern behandelt.
Gemeint sind weniger die materiellen Trümmer, denn auch die nur wenig zerstörte Stadt wirkt wie „ein bedeutungsloses Abbild ihrer selbst“. Die Jugend fühlt die verloren gegangene Ordnung, nichts will mehr passen. Und schlimmer noch: Es war gerade die Ordnung gewesen, die in die Katastrophe geführt hatte und deshalb war jeder Ordnung fortan zu misstrauen, jeder Schritt ein Tasten ins Ungewisse. Der zweite Textabschnitt, den Witzel las, schlug genau in diese Kerbe. Er berichtet von einem Mann, der etwas ganz Banales tut. Er geht zur Bushaltestelle, um sich eine Arbeit zu suchen. Daraus wird nichts, alles rutscht weg, er fühlt sich als Versager, verhöhnt sich selbst. Er kann in der neuen Zeit nicht Tritt fassen.
Den Gegenwartsbezügen, auf die Frank Witzel, wie er erklärte, nicht verzichten wolle, war der dritte Textabschnitt gewidmet. Er erzählt von einem alten Mann, der zum Bahnhof geht, dort merkt, dass der Bahnhof nicht mehr in Betrieb ist. Auf dem Vorplatz umringt ihn eine Gruppe von Frauen, die „Junggesellinnenabschied“ feiert. Alles gerät durcheinander wie bei einem Demenzkranken: Bruchstücke der eigenen Vergangenheit, unterschiedlich interpretiert, mischen sich mit Beobachtungen und Verhaltensweisen, die den alten Mann befremden und zu Assoziationen führen, die zwar zu seinem Leben passen, aber nicht zur realen Situation. Frank Witzel ist Musiker, Maler, Zeichner und Literat in einer Person. Das dürfte Ursache dafür sein, dass der Leser sich lustvoll in seine überbordende Welt stürzt oder darin zu ertrinken droht.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 25.10.2017