Papierkunst im Krumbacher Schloss

Wie bei Jörg Baeseckes Aktion das Papier eine ganz andere Funktion bekam.
Von Dr. Heinrich Lindenmayr

Begeisterung im Saal, lang anhaltender Applaus, Zugaberufe, denen Zugaben folgten. Begeistert hatte das Publikum ein Mann, schlicht schwarz gekleidet, der den Abend lang nur Geschichten erzählt hatte. Schwarz-Weiß-Geschichten hatte Jörg Baesecke angekündigt.

Das bezog sich nicht zuletzt auf seine schwarze Kleidung und den Kontrast zu dem weißen Papier, das er aufklappte, schnitt und riss, um seine Geschichten zu veranschaulichen. Gemessen an dem, was die TV-Unterhaltungsbranche aufwendet, um per Show am Samstagabend das Publikum zu „bedienen“, wirkt der Aufwand, den Jörg Baesecke betreibt, ausgesprochen bescheiden. Doch mag man ihm glauben, dass es viel kostet, einfache Geschichten so wirkungsmächtig auf die Bühne zu bringen. Mit so Wenigem solch ein Feuer zu entfachen, das ist große Kunst und die hat ihren Preis. Das beginnt mit der Auswahl der Geschichten. Sie sind schlicht und doch gehen sie unter die Haut. Denn sie rühren an existenzielle Erfahrungen und enden mit einer überraschenden Wendung bei einer Lebensweisheit. Baesecke erzählt beispielsweise von einem Schiffbrüchigen, ausgezogen mit großer Euphorie, der nun hoffnungslos auf einer Insel fernab der Schifffahrtswege ein karges Leben fristet. Und dann setzt ein Blitz die Vegetation der Insel in Brand und zerstört die Lebensgrundlage des Schiffbrüchigen. Nun aber wird er gefunden und die Seeleute erstaunt sein Erstaunen. Er habe doch Rauchzeichen gesetzt! Verstehe er etwa seine eigenen Botschaften nicht? ANZEIGE Geschichten wirkungsvoll zu erzählen, das scheint in sich widersprüchlich. Es bedarf dazu einiger Theatralik, die aber muss ganz unscheinbar daherkommen. Jörg Baesecke variiert beständig Erzähltempo, Lautstärke, Betonung, spart nicht mit Mimik und Gestik. Nichts aber wirkt gewollt oder gar gestelzt. Man hat als Hörer den Eindruck, es werde ganz natürlich erzählt, man könne eigentlich gar nicht anders erzählen. Immer wieder setzt die Papier-Kunst von Jörg Baesecke Glanzlichter. Mal ist es Mitgebrachtes, beispielsweise die ungemein filigran geschnittene Silhouette der Brücken, Grachten und Bürgerhäuser Amsterdams. Dann wieder beginnt es ganz schlicht. Der Erzähler faltet ein Blatt Papier einmal, erklärt, das sei ein Berg und auf beiden Seiten wohnten Riesen. Während er erzählt, wie die Riesen sich bekämpfen, faltet er das Papier, zupft an ihm herum. Und als er an einer bestimmten Stelle der Erzählung angekommen ist und der eine Riese im Bett liegt und seine Frau ihn immer wieder unter die Kissen drückt, um ihn vor dem anderen Riesen zu verbergen, da hat das Falten und Zupfen genau das bewirkt: Das Papier zeigt den Riesen im Bett und das Papier ist so unter Spannung, dass der Kopf des Riesen, drückt man ihn unter das Kissen, immer wieder hervorkommt. Der Literaturherbst Krumbach führte mit Baeseckes „Kleinster Bühne der Welt“ an die Anfänge von Literatur zurück. Literatur entwickelte sich aus der mündlichen Erzähltradition und die Erzähler damals nutzten einfache Mittel, ihre Geschichten anschaulicher zu machen.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 10.10.2017