Die Alpenschamanin erklärt, wie die Bäume beten

Die Autorin und Heilpraktikerin Monika Herz las im Ärztehaus. Wie sie sich die medizinische Versorgung vorstellt
Von Marc Hettich

„Vor so vielen Leuten habe ich noch nie gelesen“, stellt die Frau in der grauen Strickjacke fest, die hinter einem Tisch sitzt und zunächst fast ein wenig schüchtern erscheint. Das lange, von silbergrauen Strähnen durchzogene Haar umrahmt ein Gesicht, das sehr jugendlich wirkt. Doch der klare Blick von Monika Herz deutet schon die Weisheiten an, die sie an diesem Abend aus ihrem Gedächtnis und aus ihren Büchern vorträgt.

Die rund 70 Zuhörer im Krumbacher Ärztehaus lauschen gebannt. Flüstereien mit dem Nachbarn bleiben weitgehend aus, und wer hustet, tut das fast verschämt. Vor allem, wenn die Autorin mit gleichmäßiger harmonischer Sprachmelodie Gedichte zitiert. Gleich einem Gebet trägt sie zur Eröffnung einen Text von Rainer Maria Rilke vor.
Wie die Jungfrau zum Kind sei sie zum Bücherschreiben gekommen. „Ich hab schon immer gerne geschrieben“, verkündet die 61-Jährige. Zunächst geschah dies für eine Alternativzeitung. „Nachdem das Magazin pleite ging, wurde einer unserer Exkollegen Chefredakteur bei Gesund & Heilen“. So ergibt sich für die Alpenschamanin die Gelegenheit, einen Beitrag zum Thema Gesundbeten in dem renommierten Blatt unterzubringen. Ein halbes Jahr später klingelt das Telefon. „Der Nymphenburger Verlag hat gefragt, ob ich ein Buch schreiben möchte“, erinnert sich Herz. Auch ihre Antwort hat sie noch im Sinn: „Ja, wollt ich eigentlich schon lange, gut dass Sie anrufen“. Wieder lacht sie – und ihr Lachen überträgt sich aufs Publikum. Manche Dinge fügen sich einfach.

Organisiert hat die Lesung Viola Scheitter-Wehn vom Abc-Büchershop, um die Autorin und ihr aktuelles Buch „Sei still mein Herz, die Bäume beten“ vorzustellen. Das Werk enthält eine Sammlung überlieferter Verse und Gebete, die der Gesunderhaltung, Selbstheilung von Körper und Geist dienen. Zum poetischen Titel des Buches hat Maria Herz sich von dem indischen Dichter Rabindranath Tagore inspirieren lassen. Neben sprach- und bildgewaltiger Lyrik und praktischen Hinweisen zum persönlichen Gebet, liefert Herz an jenem Abend auch einige Plaudereien aus dem Nähkästchen. Sie hat aber auch ein wichtiges Anliegen – die Gleichstellung der vier Säulen der Heilkunst: Während die Schulmedizin gemeinhin über jeden Zweifel erhaben sei und auch die Naturheilverfahren in den letzten Jahren eine breite Anerkennung erfahren hätten, habe es die Psychotherapie oft noch schwer. „Da hat man lieber immer noch ein gebrochenes Bein, als eine Depression an der Backe“, stellt die Heilpraktikerin fest. Die vierte Säule schließlich bildet das spirituelle Heilen. Rechtlich sei das inzwischen erlaubt. „Man muss halt angeben, dass man nicht heilt, sondern die Selbstheilungskräfte aktiviert“.

Die Zukunftsvision der mit leichtem Akzent sprechenden Heilerin: „Ein Ärztehaus, wo Patienten eigenständig entscheiden, welches Leiden sie mit welcher der Säulen anpacken“ – natürlich bezahlt von der Krankenkasse. Mehrere Male setzt die fünffache Mutter ihre Brille auf und ab. Manchmal schiebt sie die Sehhilfe auch einfach hoch, sodass sie modisch auf ihrem Kopf thront. Vielleicht ein Bild dafür, wie sie auch die Linse, durch die sie die Welt betrachtet, immer wieder tauscht. Monika Herz hat sich im Lauf ihres Lebens mit vielen Denkschulen beschäftigt: Mit dem Christentum, aber auch mit dem Buddhismus und den islamischen Mystikern, die als Sufis bekannt sind. Diese vielen Blickwinkel spiegeln sich in ihrer Sicht auf die Welt wider. Ein tief verwurzelter Humanismus, der die Religionen in ihrer Spiritualität verbindet. In Zeiten, in denen religiöser Eifer nahezu täglich zu grausamen Morden führt, ist es ein Segen zu beten, wie Monika Herz es lehrt: friedlich und still wie die Bäume.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 8.11.2017